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Neue Keramik - die aktuelle Ausgabe 1/12

DIE NEWS

PORTRAITS
Elke Sada
Terry Davies
Adriano Leverone
Pim Van Huisseling
Ruriko Miyamoto
Alyssa Wood
Roxanne Jackson

FORUM / PÄDAGOGIK 
Kunst oder Handwerk / Uwe Mämpel  - Kulturgeschichte

AUSSTELLUNGEN / VERANSTALTUNGEN
Spielraum mit Kreativität - Triptis - Deutschland
Mit Feuer und Flamme - Burgrieden-Rot - Deutschland
Schiffswrack - Java - Indonesien
"hochdosiert" - Deggendorf - Deutschland
Keramik Biennale - Kapfenberg - Österreich
World Association of Brick Artist - Broager - Dänemark
Treffen unter türkischer Sonne - Eskisehir - Türkei
Durchgebrannt - Rabenau - Deutschland
Ettore Sottsass - Düsseldorf - Deutschland/Italien
Biennale Carouge - Carouge - Schweiz
GÔM SÚ - Keramik aus Vietnam  - Wien - Österreich/Viet Nam

TERMINE / Ausstellungen / Galerien / Museen
Ausstellungskalender

KERAMIK  & REISEN
Das Seidenstraßen Holzofenfestival - Jutta Winckler  - China
Eine innere und äußere Reise - Alexander Ilg - Japan

WISSEN & KÖNNEN
Kristallglasuren im System CaO-TiO2-SiO2  - Bernhard Schärf  - Technik

KURSE / SEMINARE / MÄRKTE

ANZEIGEN

Elke Sada

Elke Sada

(Jürgen Ghebrezgiabiher und Elke Sada)
Womit soll ich da bloß anfangen? Etwa mit den neuen, eher groben, halbmeterhohen Vasen, die ihre mit Handkantenschlägen vernieteten Körper im Gefieder explodierender Farben plustern und ihren Namen einem Kupferkessel aus dem salzkammergutigen Hallstatt verdanken? Oder bei den verträumten Collagen aus diesem warmen, fast porzellanartigen Steingut, die so gut in jedem englischen Cottage aussehen und dann die Tradition doch auf den Kopf stellen mit Zitaten aus keramischen Schiebebildern und frei gemalter ... ? Oder liegt das schon zu weit zurück, Schnee von gestern sozusagen, auch wenn die Anfänge der keramischen E S selbst nicht mehr als eine Dekade alt sind? Sollte ich gleich zu Beginn dieses Artikels mit der Wahrheit herausrücken und gestehen, dass ich zu allem Überfluss ja auch noch voreingenommen bin, verfolge ich doch die ?allmähliche Verfertigung der Kunst beim Machen? seit Jahren aus nächster Nähe mit? Aber vielleicht böten sich die Nester, das Zerbrechliche unsres In-der-Welt-Seins, dieses Patchworken und Rumflechten an irgendeinem Sich-zuhause-fühlen-Wollen im Leben als Aufhänger an? Oder vielleicht nehme ich doch lieber die große Bühne, die 3 D-Collagen der StoryTeller, in deren ovale Geschichtenkrater man möglicherweise förmlich hineingesaugt und erst wieder ausgespien wird, wenn man das Bild, also das Gefühl, sehen kann, ohne sich an den Einzelheiten, diesen gemein interessanten Einzelheiten aufzuhalten? Wo fang ich bloß ... oder hätte ich versehentlich schon angefangen? Sind so viele Fragen als Eröffnung überhaupt erlaubt?

Terry Davies

Terry Davies

(Amanda Shaw)
Terry Davies hatte kürzlich eine Einzelausstellung an der Academy of Visual and Performing Arts in Tasmanien. In seiner Eröffnungsrede bemerkte Professor Vincent McGrath: "Dieser Künstler hat seit Jahrzehnten Bilder geschaffen, die aus dem Empfinden einer Lokalität her rühren, lange bevor dies vordergründig in Mode kam. Aus dieser sensiblen Quelle produziert er ständig neue Werke, die sich durch die Verbindung von Form und Oberflächendarstellung in eine persönliche Traumwelt verwandeln".
Dieses Empfinden bezog sich anfangs auf die Gegend um Davies Geburtsort, den Küstenort Borth in Wales, Großbritannien. Als eingeborener Walliser entwickelte sich eine starke Bindung, wie er sagt, zu diesem potenten und magischen Ort. 
In vielen seiner Arbeiten tauchen Abbildungen und Abstraktionen von Tieren der See auf. Er sagt, dass er bei seinen Wanderungen in bestimmten Gegenden, ob physisch oder mit seinem geistigen Auge, in der Lage sei, Sequenzen der Fauna oder Topographie aufzunehmen und in einem sich immer weiter ausdehnenden inneren Archiv von Bildern und Kompositionen zu speichern
Der Ort Borth hat eine maritime Geschichte sowie auch seine eigenen Mythen und Legenden. Seine Einwohner waren historisch abhängig von dem, was die See ihnen gab. Hieraus entwickelte sich für Davies schon früh eine Kenntnis der Komplexität der menschlichen Existenz. An diesem bescheidenen Ort begriff er eine alte Wahrheit, die auch heute noch gültig ist, und zwar, dass es ein Gleichgewicht geben muss zwischen Mensch und Natur. Hier existierte bereits ein Einklang mit der Natur, bevor es Umweltaktivisten gab.

Pim Van Huisseling

Pim Van Huisseling

(Bibi Kriek)
Obwohl  Pim van Huisseling bereits durch die Mitarbeit  in der Töpferei  ihres Partners, dem bekannten Töpfer Niek Hoogland, umfangreiche Werkstatterfahrung hatte, gehörte doch eine gewaltige Portion Mut und Unternehmergeist dazu, um selbst den Sprung zur "eigenen" Keramik zu machen. Pim sah es als eine Herausforderung und nicht als Konkurrenz zu ihrem Partner an. Und in der Tat, die zwei inspirieren und motivieren einander. Beider Keramik ist eine mit Schlickermalerei dekorierte Irdenware, aber dies ist auch die einzige Übereinstimmung. Die Dekore von Niek sind erzählend ? die von Pim sind abstrakt.
Basis für all ihre keramischen Produkte ist die Gebrauchsfunktion. Sie liebt die Idee, dass Menschen ihre Keramik täglich benutzen. Eine gute Mahlzeit mit Freunden an einem schön gedeckten Tisch mit handgemachtem Geschirr, das ist einfach ein Genuß! Sie macht Becher, Kummen, Schalen, Teller, Vasen und Flaschen. Jahrhunderte altes Glas inspiriert sie in ihrer Formgebung. Sie ist begeistert von der "Haut" und Form von Glas aus Syrien und Mesopothamien aus dem 9. Jahrhundert. Durch die herrliche Patina sieht sie kein Glas sondern denkt Keramik zu erkennen. Einflüsse von mittelalterlichen Gläsern mit Brombeernoppen oder auch von islamitisch, byzantinischer Schlickerdekoration findet man in ihren Arbeiten wieder.
Ihre Keramiken sind jedoch niemals Imitation der antiken Vorbilder, was Pim macht ist etwas eigenes, mit einer ganz persönlichen Handschrift. Besonders interessant ist der Kontrast zwischen dem robusten Ton und der feinen Glasur. Ihr Werk könnte man in zwei Kategorien einteilen; das mehr traditionelle und das freiere ? das Alltägliche und das Sonntägliche, wie sie es selbst umschreibt. Irdenware mit Schlickermalerei ist schlicht und ehrlich. Die Einfachheit der Irdenware täuscht, ein Engobeüberzug verbirgt keine Fehler sondern akzentuiert sie unbarmherzig. Die weichglänzende Fritteglasur tut das ihre dazu.

Roxanne Jackson

Roxanne Jackson

(Christopher Atkins)
Die Scala Naturae ist eine mittelalterliche Darstellung, auf der alle Geschöpfe in aufsteigender Reihe gelistet werden, die an der Spitze mit dem vollendesten und ewigen Sein, mit Gott, vollendet wird. Von der Grundlinie bis zur Spitze sind die Arten in Bereiche, wie zum Beispiel Pflanzen, Wildtiere, Haustiere und zahme Kreaturen eingeteilt. Der Mensch, mit seinen entwickelten Fähigkeiten und seiner natürlichen Fehlbarkeit ist nahe der Spitze platziert.
Obwohl die Scala Naturae ein wissenschaftlicher Anachronismus ist, kann man doch ein paar ihrer Annahmen ins Auge fassen. Zuerst kann man feststellen, dass die Scala eine einfache aufsteigende Abfolge darstellt und dabei das überlappende Geflecht von Jäger und Gejagten vernachlässigt, in dem das gesamte Tierreich gefangen ist. Zum zweiten werden Mischformen und Mutationen nicht berücksichtigt. Drittens wird davon ausgegangen, dass eine linear ansteigende Überlegenheit vorhanden wäre. Menschen unterscheiden sich nicht nur von dem was unter ihnen steht, sie gelten auch als besser. Der verdeckte Einfluss dieser Art von Diagrammen auf unsere Beziehung zu Tieren, oder selbst zu anderen Menschen ist evident. Wir müssen nur auf Evolutionsdiagramme und Familienstammbäume schauen, um zu sehen, wie diese versuchen, komplexe Zusammenhänge allzusehr zu vereinfachen.

Der Porzellanworkshop von der Neuen Porzellanfabrik

Frank Brinkmann - "Cloudhorst - Cloud" - Porzellan, H 28 cm, 25 cm, 15 cm

Triptis und des Leipziger Kunstverein "terra rossa"
(Hans-Peter Jakobson)
Im Freistaat Thüringen werden Jahr für Jahr zahlreiche Symposien und Workshops in den verschiedenen künstlerischen Genres, insbesondere im Kunsthandwerk und Design veranstaltet. Als eines der jüngsten Projekte bereichert der Porzellanworkshop "Spielraum 120" in der Neuen Porzellanfabrik Triptis die Kunstszene um eine weitere anspruchsvolle Facette. Die Initiative ging vom Leipziger Kunstverein "terra rossa" aus. Er betreibt am Rossplatz im Zentrum der Stadt seit fast 13 Jahren eine selbstverwaltete Autorengalerie für Keramik und Porzellan. Mit ihren dauerhaften und umfangreichen keramischen Angeboten sowie zahlreichen Sonderausstellungen ist sie fester Bestandteil des Leipziger Kulturlebens. Frank Michaelis, langjähriger Werkleiter im VEB Porzellanwerk Triptis, und Vereinsmitglied stellte den Kontakt zu der Neuen Porzellanfabrik Triptis her. Das unmittelbar an der A9 gelegene Ostthüringer Unternehmen ist besonders auf dem Markt für Hotelgeschirr erfolgreich. Der Geschäftsführer Rolf H. Frohwein erkannte die Chancen eines Impulses für gestalterische Innovationen, Motivation der Mitarbeiter sowie des hohen Image- und Popularitätsgewinns und stimmte gerne zu. Ein solches Zusammentreffen von Kunst und Industrie hat auf die konkrete Produktpalette kaum oder nur sehr mittelbar Einfluss. Jedoch hinterlässt der direkte Kontakt von Künstlern und Werksangehörigen bei laufender Produktion als produktiver "Störfaktor" bei allen Beteiligten Spuren im Denken und Handeln. Zudem fügte sich das Motto des Workshops ideal in die Feiern zum 120-jährigen Firmenjubiläum im Jahre 2011 ein, die mit der Einweihung des so genannten "Porzellaniums" und der Präsentation der Workshopergebnisse im Oktober 2011 ihren Höhepunkt fanden.

Mit Feuer und Flamme

Louise Hindsgavl - "The Favour" - Porzellan, Holz, Metall - 65 x 50 x 37 cm - 2010

(Stefanie Dathe und Barbara J. Scheuermann)
Seit dem Beginn der Moderne haben sich die Hierarchien und Grenzen der Kunstgattungen aufgelöst. Heute werden alle Bereiche der menschlichen Kreativität zu Spielfeldern der Kunst. Seit 2008 widmet sich das Museum Villa Rot in einer Ausstellungsreihe der zeitgenössischen Rezeption historischer Volkskünste und der Erneuerung traditioneller Techniken an der Schnittstelle zwischen Angewandter und Freier Kunst. Im Rahmen dieser Reihe befasst sich die Ausstellung Mit Feuer und Flamme mit dem neu erwachten Interesse an der Arbeit in Ton und der Herstellung von Keramik, die zu den ältesten Kulturleistungen und Handwerkstechniken der Menschheitsgeschichte zählt. Zugleich schlägt die Ausstellung einen Bogen zurück in die Sammlungsgeschichte des Museums Villa Rot, die wesentlich auf einem ausgeprägten Interesse des Museumsstifters Hermann Hoenes (1900?1978) für europäisches und asiatisches Kunsthandwerk basiert. So befinden sich französische, italienische und Delfter Fayencen und Majoliken des 18. und frühen 19. Jahrhunderts neben glasiertem Steinzeug aus China, verspielt-heiteren Porzellanfigürchen aus Meißen und Thüringen, vergleichbaren Stücken der chinesischen Kangxi-Zeit (1662?1736) und einem glasierten, Lucca Della Robbia (1399/1400?1482) zugeschriebenen Terrakotta-Relief bis heute im Sammlungsbestand des Museums.

durchgebrannt

(Michael Limbeck, Karl-Heinz Till, Karin Schweikhard)
Wieder einer jener typischen Frühjahrs/Sommermärkte, an denen es nicht so gelaufen war, wie erhofft: zu viele Werkstätten in nicht immer überzeugender Qualität, die Besucher unentschlossen, der Platz für die Stände zu knapp bemessen, der Markt über 2-4(!) Tage, das Standgeld zu hoch, die Werbung für die Veranstaltung zu mickrig und die Einnahmen zu gering im Verhältnis zu Aufwand und Kosten.
Wer der vielen Töpferkollegen/innen kennt das nicht und hat nicht schon solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht?!
Aus Unzufriedenheit über derlei teure, ineffiziente und zu große Märkte haben wir uns erstmals im Frühsommer 2009 zusammengesetzt und überlegt, wie man es mit einem eigenen Markt besser machen könnte.
Die Idee war, für einen geringen Kostenbeitrag mit einer begrenzten Anzahl von Keramikern aus der Region, einen kleinen, lokalen Markt für hochwertige Keramik zu schaffen. In einem schönen Ambiente, in dem es in erster Linie um die Keramiker und ihre Arbeiten selbst gehen würde, sollte dieser Markt stets an Pfingsten stattfinden!
Und so haben wir uns dafür entschieden, einen Markt ? auf dem Flachen Land?  fernab von Fußgängerzonen und ähnlichem zu veranstalten. Das passende Gelände dafür war nicht schwer zu finden, denn wir hatten mit dem Hofgut Appenborn im Mittelhessischen Rabenau, den idealen Veranstaltungsort direkt vor der Haustür liegen.
Obwohl abgelegen im ländlichen Raum, würde das über 300 Jahre alte und schon von Rainer Maria Rilke 1905 besuchte Hofgut mit alten Eichen u. Kastanienbäumen, die perfekte Kulisse für unseren Keramikmarkt bilden.

12. Keramik-Biennale Carouge

Noemi Niederhauser

Die 12. Keramikbiennale Carouge dauerte vom 1. bis 9. Oktober 2011. Zur Biennale gehörten in Carouge 25 Ausstellungen, ein Keramikmarkt, organisiert von  Swissceramics und mehr als 10 Veranstaltungen, die von einer großen Zahl von Menschen besucht wurden. Mehr und mehr Amateure, Künstler und Sammler besuchen die Biennale von Carouge, die parallel zu dem Internationalen Keramikwettbewerb des Museums in Carouge organisiert wird. Verschiedene Institutionen kauften Arbeiten für ihre Sammlungen aus der Ausstellung.
In der Absicht, ein aktuelles Schaufenster des zeitgenössischen keramischen Schaffens zu sein, forderte die Biennale  Künstler aus den Bereichen Schmuck, Gefäß, Plastik und Installation, die sowohl in klassischer Disziplin, sowie auch auf sehr zeitgenössische Weise arbeiten, zur Teilnahme auf.

Macsabal - Das Seidenstraßen Holzofenfestival

(Jutta Winckler)
Der Koreaner Kim Yong Moon baut Holzbrandöfen, Drei-Kammeröfen den Angama Öfen sehr ähnlich, und das wo immer er darf. Ausserdem schreibt er Gedichte.
Das diesjährige Festival fand an drei Standorten statt, an denen diese Öfen bereits stehen: In Osan, dem Heimatort Kim Yong Moons in Korea, in Zibo in China und an der Universität in Ankara /Türkei. Daraus ergab sich auch der Titel: Seidenstrassen Holzofen Festival.
Nach China zu reisen, scheint heute so selbstverständlich zu sein, dass nur, wenn es einen selbst trifft, bestimmte gewohnte Dimensionen gesprengt werden. Noch dazu hatte ich doch in der letzten Zeit so viele Berichte gelesen über Veranstaltungen, Seminare und Kongresse in China, dass ich das Gefühl einer Inflation dieser Ereignisse bekam.
Meine Verwirrtheit über diese Reise, vor, während und nachher fängt an, sich langsam zu lüften. Denn wenn ich auch über Jahrzehnte mit Japan eng verbunden bin, ist diese chinesische Welt doch eine komplett andere. Aber auch das Ausmass war zu groß, was die Anzahl von Menschen, Orten und Geschehen betrifft.
Ich war als einzige Deutsche eingeladen von dem Besitzer der Porzellanfabrik ?Shandong Zibo Taishan Ceramics?, der Kim Yong Moon fördert, indem er ihn einen seiner Drachenöfen auf dem Firmengelände bauen ließ und jetzt dort wiederkehrend internationales prominentes Personal einlädt, um gemeinsam für einen Brand in diesem Ofen zu arbeiten.