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Neue Keramik - die aktuelle Ausgabe 1/10
DIE NEWS
PORTRAITS
Lars Calmar
Po-Ching Fang
Cathérine Vanier
Christin Johansson
Marek Cecula
Hans Borgonjon
Philipp Barde
Michael Wolf
PÄDAGOGIK / FORUM
Guldagergaard / Artist in Residence
Interview mit Moyra Elliott / Shao Ting-ju
Tafelrunde / Kreativen Werkstatt Dresden e.V.
JUNGE TALENTE
Nicole Mueller
AUSSTELLUNGEN & PROJEKTE
6. Keramikbiennale Kapfenberg
Scapin und das "Lied der Erde" - Landshut
"Faszination des Fremden" - Hetjens Museum
Exempla 2010 - München
Reise in ein fernes Land - Bunzlau
GRASSIMESSE 2009 - Leipzig
Schätze aus Raerener Erde kehren heim - Raeren
Die neue Keramikgalerie im V&A Museum - London
TERMINE
Ausstellungskalender
KERAMIK & REISEN
Vom Campusleben der Universität in Suwon II
WISSEN & KÖNNEN
Leserfragen / Gustav Weiß
Porzellanmassen im Test II / Gustav Weiß
Kupferglanz durch Reduktion in der Kapsel / P.Wollwage
KURSE / SEMINARE / MÄRKTE
ANZEIGEN
VORSCHAU / IMPRESSUM
Lars Calmar

- Lars Calmar
(Jacques Berg)
Denke was Du willst - Sieh was Du kannst - Erfinde den Rest selbst!
Mein Gott, er ist der Herr!? sagte meine innere Stimme, als Lars Calmar einer lebensgroßen Figur mit einem Stahlseil den Kopf abschnitt. Oder Robespierre! Doch der Anblick wurde nicht besser, als der Künstler, nachdem er den Hals mit einer Tonrolle verlängert hatte, den Kopf wieder an seinen Platz setzte. Wie ein himmlischer Schöpfer (oder grausamer Tyrann), stand er in seinem Studio und übte seine absolute Macht über die neugeborenen Alten aus.
Seine Menschen entstehen Stück für Stück. Vielleicht war es sehr gut, dass Lars noch keine Arme an seinem rundlichen alten Kerl angebracht hatte. Wenn ich der Typ gewesen wäre, hätte ich mich gewehrt, gegen meinen allmächtigen Herrn den Arm erhoben, und es ein paar Schläge regnen lassen. Vielleicht hätte ich ihn gewürgt. Oder lass es mich so aus drücken, ich hatte genug: ab den Kopf, wieder drauf, nach rechts schauen, nach links!
Aber was ist mit einem Tritt in jene gewisse Gegend? Lars hatte das schon in Betracht gezogen. Wenn die unteren Teile fertig sind, trocknet er sie mit einem Gasbrenner. Hierdurch werden die Beine hart und können stehen - während sie zur selben Zeit fest verankert sind.
Po-Ching Fang

- Po-Ching Fang
"Über die Grenze des Funktionalen" Expressive Gebrauchskeramik von
Po-Ching FangIn der modernen Gesellschaft hat sich das Trinken von Tee zu einem sozialen Ritual entwickelt. Es verbindet kulturelle Aspekte mit dem Alltagsleben, wie beim alltäglichen Trinken von Tee in China, bei der spirituelle Aufmerksamkeit der japanischen Teezeremonie oder beim graziösen Ritual des englischen Tea Styles.
Die entsprechenden Utensilien sind ein charakteristischer Teil des Teetrinkens, zeigen die kulturellen Phänomene und den jeweiligen Dialog zwischen Kunst und Handwerk. Einerseits zeigen sie ihren Gebrauchswert und fordern die Anerkennung ihrer funktionellen Ästhetik, andererseits wirken sie als Medium bei dem Dialog der beteiligten Personen, sowohl in sozialer als auch in spiritueller Hinsicht. Ich glaube, dass Objekte des täglichen Gebrauchs nicht nur aus Funktion und Ästhetik des Handwerklichen bestehen, sondern auch die Möglichkeit beinhalten, eine Konversation zwischen den benutzenden Menschen aufzubauen - eine wichtige Funktion jeder Kunst.
Meine Teeutensilien repräsentieren den persönlichen Blickwinkel auf die physische Umgebung unter Einbeziehung von sowohl künstlich hergestellten als auch natürlich gewachsenen Elementen.
Catherine Vanier

- Catherine Vanier
(Gabriele Gerlt)
Catherine Vanier ist in der aktuellen französischen Keramik-Landschaft eine herausragende Künstlerin. Im persönlichen Umgang zurückhaltend und doch sehr präsent, nimmt sie einen einzigartigen Platz ein. Ihre Arbeiten sind unverwechselbar und sofort an ihrer sehr persönlichen Handschrift, einem raffinier-ten Dekor auf eindrucksvollen Objekten, erkennbar. Ein resolut moderner Blick, gepaart mit handwerklicher Virtuosität, verleiht weitläufigen Inspirationen von Kalligraphie und Ornamentik des Mittleren Orients zeitlosen Ausdruck.
Catherine Vanier stellte in ihrer letzten Ausstellung in Paris, in den Räumen der "Compagnie de la Chine et des Indes" ihr unvergleichliches Talent neu unter Beweis. Über hundert brandneue Arbeiten machten die enorme schöpferische Vielfalt der Künstlerin eindringlich deutlich. Sie brilliert in der Technik der "terre vernissée".1
Christin Johanson

- Christin Johanson
(Catherine Paleczny)
Beim Betreten der Køppe Gallery in Kopenhagen, Däne-mark, kam man sich im letzten Jahr vor, als würde man den Schauraum eines Sanitärhandels betreten, ausgestattet mit einer Empfangstheke und bestückt mit Sanitär-objekten, die in jedem Haushalt vorhanden sein könnten. Die geschaffene Atmosphäre rief dazu auf, die Gerätschaften näher in Augenschein zu nehmen, und man stellte sich die Frage "ist es an der Zeit, dass ich solche Dinge zu Hause installiere, brauche ich tatsächlich eine Urinal-, Wasch- und Untersuchungstation in meinem Bad?"
Johanssons Objekte fordern zur Benutzung und Recherche auf und führen einen selbst zu der Überlegung: Ist das real? Ist das praktisch? Spätestens nach einer näheren Betrachtung stellt man fest, dass diese Objekte ohne Frage ausschließlich als interessante Kunst-Objekte fungieren, kurios und versehen mit einem Schuß Humor.
Christin Johansson, eine schwedische Künstlerin, die in Dänemark lebt und arbeitet, entwickelt Arbeiten von faszinierender klinischer Sterilität, angelehnt an das Design der industriellen Sanitärkeramik.
Marek Cecula

- Marek Cecula
(Agnieszka Kurgan)
Marek Cecula ist eine sehr vielseitige Persönlichkeit und Schöpfer von faszinierenden künstlerischen Projekten, die einen neuen Blick auf die Welt der Keramik zeigen und verschiedene Aspekte von Design und Installation miteinander verbinden.
Im jahre 1993 führte er das Projekt "Scatology" im European Ceramic Work Centre in s`Hertogenbosch durch. Es zeigt alltägliche, sehr persönliche Hygienevorgänge, die wir alle kennen. Organische Formen aus weißem Porzellan, Toiletten oder Urinalen ähnlich, gefüllt mit organischen, sexuellen Zitaten, werden auf Tabletts voll mit chirurgischen Werkzeugen präsentiert. Die Arbeit entstand in Anlehnung an die paranoide Angst, die durch die Verbreitung der AIDS Epidemie entstand, und durch das unterbewusste Verlangen nach klinischer Sterilität.
Es war die Idee des riesigen Projektes "Beauty of Imperfection", das zwischen 2003 und 2007 entstand, Industrieporzellan den zersetzenden Einflüssen von Feuer, Wasser und Luft auszusetzen. Das aufwendige Konzept zeigt, wie diese drei Elemente, die an der Herstellung von Porzellan Anteil haben, destruktiv wirken und wie sie erstaunliche und sehr interessante optische Effekte hervorbringen können. Für manche mag es eine simple Zerstörung von fertigen, perfekt hergestellten Porzellanobjekten sein. Cecula sagt, dass das Projekt zu neuen ästhetischen Qualitäten führt, indem es einheitlichen, identischen Objekten eine individuelle, unvollkommene Schönheit verleiht.
Hans Borgonjon

- Hans Borgonjon
Keramik ist meine Leidenschaft. Es hätte Metall, Bronze, Farbe oder irgendein anderes Medium sein können, doch all die Qualitäten und Nachteile von Ton inspirieren meine Arbeit und regen sie an. In der Keramik habe ich das Gefühl alles erreichen zu können. Ob das wirklich so ist, ist eine ganz andere Frage. Keramiker zu werden, ist mir erst spät in den Sinn gekommen. Zuerst war ich über 15 Jahre lang Intensivkrankenpfleger in Belgien, der Schweiz und in England. Obwohl der pflegerische Dienst und jeglicher anderer medizinischer Dienst sehr erfüllend sein kann, war es mir nicht mehr genug. Als ich Kunstgeschichte studierte, waren es vor allem Künstler wie Joseph Beuys, Louise Bourgeois und Claes Oldenburg, die mich interessierten. Sie bekommen es irgendwie hin, diese unbeschreibliche Realität in einer dreidimensionalen Arbeit nachzubilden. Bei ihnen wird die Philosophie und Idee in einem Kunstwerk wichtiger als die Arbeit selbst. Also schien der nächste logische Schritt, mit Philosophie weiter zu machen. Für mich versucht Philosophie, Unaussprechliches in Wörter zu fassen. Dies wird durch allerhand verschiedene Mechanismen und fachspezifische Sprache erreicht, oder zumindest versucht. Das Unbeschreibbare in Worte zu fassen, scheint ein Widerspruch in sich zu sein, doch als ich in einem Abendkurs für Keramik von dieser fasziniert wurde, wusste ich, dass ich exakt so diese unbeschreibbaren Ideen durch die sich Boys und Bourgeois auszeichnen darstellen wollte. Diese Ideen in einer dreidimensionalen künstlerischen Form auszudrücken, die an sich schon in vielerlei Hinsicht unbeschreibbar ist, schien mir ein realistischer und nicht ganz so beschwerlicher Weg vorwärts.
Philippe Barde

- Philippe Barde
(Roland Blaettler)
+ PT Projects
Philippe Barde (geboren 1955) zählt heute zu den wenigen Schweizer Keramikkünstlern, deren Arbeit international bekannt ist und höchste Auszeichnungen erfahren hat. Er versteht die noch bis zum 10. Januar 2010 geöffnete Ausstellung im Musée Ariana als eine Art Bilanz ? und nicht etwa als Retrospektive, denn er zeigt vorwiegend neuere, das heisst, noch nie ausgestellte Arbeiten ? oder als Bestandesaufnahme seiner aktuellen Beziehung zur Keramik. Ein Universum mit vielen Zugangsmöglichkeiten, in welchem die sachliche Strenge jederzeit ins Emotionale oder Traumhafte kippen kann. Ein Werk, gleichermassen durchdacht wie empfunden, so dass die Idee nie die Oberhand über die Materie gewinnt oder umgekehrt.
Philippe Barde erwirbt seine keramische Grundausbildung an der Seite von Philippe Lambercy im Rahmen der École des Arts Décoratifs in Genf, eine Institution, an die er später als Lehrkraft zuruckkehren sollte. Heute ist er verantwortlicher Leiter des Centre d?expérimentation et de réalisation en Céramique contemporaine (Cercco) an der Haute École d?art et de design in Genf.



