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Neue Keramik - Heft 5/10

DIE NEWS

INTERVIEW   
Renate Wunderle

PORTRAITS
Deirdre McLoughlin
Heidi Bereiter-Hahn / Christine Fiebig
Madhvi Subrahmanian
Eva Zethraeus
Ulrich Schumann
Kano Takao
Andrea Herrmann / Susanne Protzmann
Thomas Welti

PÄDAGOGIK / FORUM
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Renate Wunderle

Renate Wunderle

Was macht eine Galeristin im Ruhestand - Ein Gespräch
mit einer großen Soloausstellung für den bekannten französischen Keramiker Claude Champy (vergl. NK 2/09) beendete die Münchener Galeristin im Frühjahr 2009 ihre offizielle Tätigkeit als Galeristin und schloss ihre Galerieräume in der Baaderstrasse 15 (vergl. NK 6/04). Die NEUE KERAMIK wollte wissen, was macht eine erfolgreiche Galeristin im Ruhestand. Antje Soléau sprach im April 2010 mit Renate Wunderle.

 

 

Deirdre McLoughlin

Deirdre McLoughlin

Ich hatte bereits mein Studium in Philosophie und Geschichte abgeschlossen, als mir jemand einen Klumpen Ton hin hielt und sagte: "mach was daraus", was ich dann tat - und was ich seit dem mache. Später erfuhr ich, dass ich Vorfahren hatte, die handwerklich tätig waren - die Frauen stellten Spitzen her und die Männer hatten als Steinmetze gearbeitet. Manchmal stelle ich mir vor, wie sie über die Vorstellung lachen würden, dass man beide Handwerke in einem verbinden könnte. Aber gewisse Techniken beim Arbeiten mit Ton sind mit der Herstellung von Spitzen vergleichbar und meine Arbeiten bearbeite ich zum Schluß wie ein Steinmetz - ich schleife und poliere sie.
Ich ziehe das Aufbauen mit Würsten als Arbeitstechnik vor. Diese Technik erlaubt mir, Neues zu entdecken, eine Linie, eine Form, ein Volumen zu öffnen und zu gestalten. Als Gegenleistung gibt mir der Ton ein intensives Lebensgefühl, ein Empfinden wie es mir keine andere Tätigkleit in solcher Tiefe und Intensität je gegeben hat.

Heidi Bereiter-Hahn - Christine Fiebig

Heidi Bereiter-Hahn - Christine Fiebig

(Alexander Hardy)
Während Gemeinschaftsausstellungen gerade in der künstlerischen Umbruchphase zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert enorm populär waren, um gemeinsam neue Impulse zu setzen oder durchaus gewollt den ein- oder anderen Skandal vom Zaun zu brechen, sind solche Ereignisse heute eher selten geworden. Zu individuell verhalten sich die Künstler, ist der Markt ausgerichtet, bewegt sich der Trend der Zeit. Da erscheint eine Begegnung wie jene zwischen der Hofheimer Keramikerin Heidi Bereiter-Hahn und der Frankfurter Zeichnerin Christine Fiebig beinahe wie ein Bild aus alter Zeit: Zwei Künstlerinnen unterschiedlicher Disziplinen inspirieren sich gegenseitig und stellen die Ergebnisse gemeinsam aus. Einen Skandal wird man hierbei allerdings vergeblich suchen. Es ist vielmehr das elegante, sanfte, oft liebevolle, manchmal aber auch schroffe ineinander Verschränken der unterschiedlichen Auffassungen, Kunstformen und Denkensweisen, welche den Reiz dieser Zusammenarbeit ausmacht.

Madhvi Subrahmanian

Madhvi Subrahmanian

Meine Ausbildung in der Welt der Keramik begann in Indien nicht bei einem der allgegenwärtigen Dorftöpfer, sondern bei dem amerikanischen Paar Ray Meeker und Deborah Smith, die in Pondicherry, einer Stadt an der Südküste Indiens leben und arbeiten. Als junges Mädchen war ich verzaubert von ihren japanisch anmutenden Arbeiten, die ich in einem Geschäft für Kunsthandwerk in Mumbai sah und war sofort überzeugt, dass ich die Herkunft dieser Arbeiten finden müsste, um bei diesem Meister zu lernen.
Als ich mich 1985 nach Pondicherry aufmachte, hatte ich noch keine Vorstellung, welchen Einfluss Ray und Deborah und ihre Golden Bridge Töpferei auf meinen weiteren Lebenslauf haben würde.
Meine Lehre in der Golden Bridge begann mit Ton, der Drehscheibe und Töpfen. Ich lernte weniger durch Anweisungen als durch Beobachtung, Empfinden und Osmose. Ich begriff, wie Töpferei funktionierte - das Engagement und die Hingabe an das Material, die Geduld und die Ausdauer, das Akzeptieren und das Gehenlassen - dies alles war hier allgegenwärtig und ehrfurchtgebietend.

Eva Zethraeus

Eva Zethraeus

Es ist jetzt mehr als zehn Jahre her, dass ich mein Studium mit einem Master in Freier Kunst abschloss. Seitdem habe ich ständig im Bereich keramischer Plastik gearbeitet. Es ist eine fortlaufende Geschichte, die immer dem gleichen Thema - der Natur der Dinge - nachging. Und es hat mich zehn Jahre gekostet, meinen Beruf wirklich zu verstehen. Mit Beruf meine ich nicht nur das physische Arbeiten mit Ton, sondern auch wie ein Studio richtig einzurichten ist, einen Ofen zu bauen, Kontakte zu schließen, sich um Ausstellungen zu bewerben, Netzwerke aufzubauen, Arbeiten auszustellen, diese zu fotografieren, Präsentationen vorzubereiten, über meine Arbeiten zu reden und letztlich über sie zu schreiben.
Ich habe Ausstellungen aufgebaut, bei denen ich sowohl die ganze Räumlichkeit, die Farben sowie das Licht bestimmen konnte. Beleuchtung ist ein bedeutender Faktor in einer Ausstellung, da die Schatten wichtig für den Gesamteindruck sind. Wenn der Schatten einer Tentakel oder eines Astes auf einen anderen Teil des Stückes fällt, verändert sich die Erscheinung der gesamten Arbeit.

Ulrich Schumann

Ulrich Schumann

(Thomas K. Müller)
Schon bei der ersten Annäherung an die keramischen Objekte von Ulrich Schumann werden zwei maßgebliche Aspekte augenfällig: zum einen, die große, raumerobernde Form, ob als verdrehte Säule oder als stilisierter Torso und zum anderen, die fein strukturierte, grafisch rhythmisierte Oberfläche der Figuren.
Diese beiden Grundelemente der schumannschen Keramik: die Form und die Zeichnung,  scheinen eine gestalterische Ehe eingegangen zu sein. Eine Ehe mit ideale Zügen: beide existieren unabhängig voneinander, sind jedoch ohne den jeweils anderen bzw. die andere nicht oder nur schwer vorstellbar. Glatt weiß glasiert würden die Objekte ihr visuelles Ereignis einbüßen, sie wären um ihre Würze, ihren Witz, ihren Kontrapunkt gebracht.

Kano Takao

Kano Takao

(Shao Ting-Ju)
Ich traf Kano auf seiner Ausstellung in Kyoto. Er trug eine weiße Lederjacke und einen leuchtend roten Schal um seinen Hals. Auf dem Kopf hatte er einen Cowboyhut und an den Füßen Cowboystiefel. Eine übergroße Brille (mit getönten Gläsern) dominierte das Gesicht zusammen mit einem Bart, den er zu zwei netten Bartspitzen zusammengefasst hatte. Ich muss sagen, sein Aussehen ließ ihn auf den Strassen von Kyoto nicht nur auffallen, sondern auch provozierend wirken. Wir gingen später für dieses Interview in ein nah gelegenes Cafe bei einem kleinen Fluss. Während des Interviews war er sehr zurückhaltend und oftmals verlegen, weil er nicht prompt auf meine Fragen antworten konnte. Es war nicht zu übersehen, dass Kano, obwohl er als Persönlichkeit der Avant-Garde erscheinen wollte, in seinem Herzen immer noch ein traditioneller Japaner ist und die seiner Kultur entsprechenden Höflichkeitsformeln befolgt.

Andrea Herrmann-Susanne Protzmann

Andrea Herrmann-Susanne Protzmann

(Herbert Heinrich)
Betritt man einen Keramikmarkt, wie den alljährlichen am Goldenen Reiter in Dresden, fällt rasch der Stand mit leuchtend farbigen Kollektionen dieser beiden Berliner Werkstattpartnerinnen ins Auge, weiland Sprösslinge der Burg Giebichenstein. Beide haben längst zur Unkenntlichkeit verwandelt, was Lehre und Studium einst in ihren künstlerischen Charakteren anregten und sedimentierten. Gemeinsam bleibt diesen ungleichen Schwestern das farbige Leuchten ihrer Produkte, eben das, was das Studium in Halle ihnen am wenigsten vermittelt hatte.
Das Adjektiv ?phantastisch? dient im heutigen Deutsch sowohl dem Ausdruck des Überwältigtseins durch hervorragende Darbietung jeglicher Art und seit je der Bezeichnung von das "Ungewöhnliche phantasievoll überschreitender und in den Schatten stellender ästhetischer Leistung".
 Die populäre ebenso wie die ästhetische Valenz von ?phantastisch? hat Gültigkeit vor Andrea Herrmanns Keramik. Ihre Spezialität auf dem Gebiet keramischer Farbigkeit ist ein Craqueleé fernöstlicher Herkunft, das, als Methode beschrieben, durch unterschiedlich starke Kontraktion von Glasur und Scherben beim Abkühlen nach dem Brand spinnwebfeine Oberflächenrisse entstehen lässt. Die überziehen netzartig das Produkt.

Thomas Welti

Thomas Welti

Die zeitgenössische Darstellung der weiblichen Figur ist für mich das Bemühen, sich mit Raum, Masse und Volumen unter formalen, menschlichen und sinnlichen Aspekten auseinanderzusetzen und diese in eine bestimmte Ordnung zu bringen. Mittels Gefühl und Wissen Form entstehen zu lassen. Unter künstlerischen Möglichkeiten verstehe ich die Kombination aus Erlebnisfähigkeit, Gefühl und Wissen. Form resultiert aus der künstlerischen und handwerklichen Möglichkeit des Bildhauers und Keramikers, Erkanntes und Vorgestelltes umzusetzen. Diese Problematik ist elementar, nicht notwendigerweise an die Figur gebunden, doch auch an dieser erkennbar und anwendbar.